Kreativität auf Kosten der Studierenden

Ein kleiner Bericht aus dem studentischen Alltag …

Die derzeitige Corona-Pandemie stellt den universitären Betrieb vor massive Herausforderungen. Trotz Stimmen aus Wissenschaft und Lehre, die weitreichende Anpassungen fordern, welche der Situation Rechnung tragen sollen, wird am regulären Sommersemester 2020 festgehalten.. So richten die sächsischen Hochschulen nach eigenen Aussagen alle Kräfte darauf, das Lehr- und Prüfungsangebot sicherzustellen, damit die Studenten „trotz Beeinträchtigungen in verantwortbarer Weise“ das Sommersemester 2020 erfolgreich durchführen können. Nach der Landesrektorenkonferenz Sachsen wird „das Sommersemester 2020 für alle Hochschulen in Deutschland […] ein besonderes sein.“ und von seiten der Universitäten wird an Kreativität und Engagement appeliert. Offen bleibt, ob diese Apelle auch für den Abschluss des Wintersemester 19/20 gelten soll.

Als Student im geisteswissenschaftlichen Bereich gehört das Recherchieren von Literatur und das Verfassen von wissenschaftlichen Arbeiten zum täglich Brot meines Studiums. Durch die derzeitige Situation stellt dies allerdings als eine Herausforderung dar. Bibliotheken und Computerpools bleiben bis auf weiteres geschlossen. Der Zugang zu E-Artikeln etc. ist eingeschränkt und manche Universitäten (z.B. die Universität Halle/Saale) stellen keine Lizenzen für Office o.ä. zur Verfügung. Es werde fleißig daran gearbeitet den universitären Betrieb auf den digitalen Raum zu verlagern. Diese Umstrukturierung ist in meinen Modulen bereits größtenteils abgeschlossen.

Schon jetzt zeigt sich jedoch eine starke Überlastung des Uninetzwerks, da nun tausende Studenten und Angestellte der Universität, von zuhause auf das Netzwerk zugreifen. So brauchte es bspw. fünf Anläufe ein Hausarbeit einzureichen und wurde letztendlich nur durch die private Emailadresse möglich.

Derzeit steht bei mir noch das Verfassen einer Hausarbeit aus. Die sich derzeitig ständig verschärfende Lage wirft so viele Fragen auf, dass es ein leichtes war, eine geeignete Fragestellung für ein Hausarbeitsthema zu finden. Mit voller Motivation begann nun die Literaturrecherche, da man ja Antworten auf seine Fragen finden wollte. Recht zügig stieß ich auf brauchbare Artikel aus Fachjournals oder ganze Publikationen, die ein gutes Gerüst für meine Arbeit darstellen könnten. Darauf folgte die Große Enttäuschung … als erstes stellte sich die Suche nach den Artikeln über das Uninetzwerk als eine Katastrophe heraus. Die starke Überlastung des Uninetzes macht es nur teilweise möglich, überhaupt auf die Bibliotheksseite zuzugreifen. Das sowieso schon langsame Internet kam zum Erliegen. Dazu stellte sich heraus das die große Mehrzahl der benötigten Literatur online nicht zur Verfügung steht.
Was ist der richtige Umgang mit dieser Situation? Soll ich selbst Geld in die Hand nehmen, um mir Bücher und Zeitschriften zu besorgen? Wie soll ich das finanzieren wenn die Bücher z.T. 50 Euro kosten? Oder muss ich notgedrungen die aktuellen Forschungsstände ignorieren und mit dem arbeiten, was mir als Student kostenlos zur Verfügung steht? Würde ich so überhaupt der Wissenschaft gerecht werden, wenn ich ganz bewusst Forschungsstände ignoriere und mich auf überholte Forschungsstände beziehe?

Die richtigerweise getroffenen Maßnahmen zur Einschränkung des öffentlichen Lebens, um einer kompletten Überlastung des Gesundheitssystems entgegenzuwirken, stellen sich für mich gerade als eine Hürde dar, das Wintersemester zu Ende zu bringen. Die Perspektive für das kommende Sommersemester ist ähnlich gezeichnet. Für mich steht im Studium noch ein empirisches Forschungsmodul aus, in dem ich mit einer Statistiksoftware arbeiten muss. Hier ist regulär vorgesehen mit einem der Standardprogramme der empirischen Sozialforschung zu arbeiten. Da die Software recht teuer ist, steht sie den Studenten nur in einigen Computerpools zur Verfügung. Aus diesem Grund wurde kurzerhand entschieden, um das E-Learning zu ermöglichen, auf ein anderes Programm umzusteigen. D.h. für mich, dass mir Erfahrung im Umgang mit berufsspezifischer Software fehlen wird, die mich für mein späteres Berufsleben qualifiziert.

Mit Blick auf meine derzeitige Situation ergibt sich die Frage, was eigentlich mit einem Kreativsemester gemeint sein soll? Heißt es das ich mich als Student jetzt selbst in kreative Weise um Software und Bücher etc. kümmern muss, da sie für mich nicht zugänglich sind? Muss ich mir jetzt einen neunen Internetanbieter suchen, damit der Zugang in das Uninetz reibungsloser verläuft bzw. überhaupt erst möglich wird? Wer trägt die Kosten für das kreative Suchen nach Alternativen?
Auch ergibt stellt sich mir die Frage, wie das kommende Semester durch die digitale Umstellung überhaupt verlaufen soll? Wie sollen Studierende, die nicht über die nötigen Endgeräte verfügen, am E-Learning teilnehmen?

Die Forderung nach einem Kreativsemester nimmt einen zynischen Beigeschmack an und es wirkt, als würde damit versucht werden, die Unterfinanzierung der Universitäten und damit einhergende schlechte Ausstattung, nun auf den Schultern der Studierenden auszutragen.

Reaktion auf das Statement der Landesrektorkonferenz Sachsen zur Forderung des „Nicht-Semesters“

Vor einigen Tage veröffentlichten wir als Solidarischer Studententreff (SST), dass wir die Forderungen des offenen Briefs zum „Nicht – Semester“ unterstützen [1,2]. Die Universität Leipzig verwies uns daraufhin auf ein Statement der Landesrektorenkonferenz Sachsen (LRK Sachsen), in dem es da heißt:
„𝘉𝘦𝘻𝘶𝘨𝘯𝘦𝘩𝘮𝘦𝘯𝘥 𝘢𝘶𝘧 𝘥𝘦𝘯 𝘖𝘧𝘧𝘦𝘯𝘦𝘯 𝘉𝘳𝘪𝘦𝘧: „𝘋𝘢𝘴 𝘚𝘰𝘮𝘮𝘦𝘳𝘴𝘦𝘮𝘦𝘴𝘵𝘦𝘳 𝘮𝘶𝘴𝘴 𝘦𝘪𝘯 𝘕𝘪𝘤𝘩𝘵-𝘚𝘦𝘮𝘦𝘴𝘵𝘦𝘳 𝘸𝘦𝘳𝘥𝘦𝘯“ 𝘥𝘦𝘳 𝘗𝘳𝘰𝘧𝘦𝘴𝘴𝘰𝘳𝘪𝘯𝘯𝘦𝘯 𝘗𝘢𝘶𝘭𝘢-𝘐𝘳𝘦𝘯𝘦 𝘝𝘪𝘭𝘭𝘢 𝘉𝘳𝘢𝘴𝘭𝘢𝘷𝘴𝘬𝘺 (𝘓𝘔𝘜 𝘔ü𝘯𝘤𝘩𝘦𝘯), 𝘈𝘯𝘥𝘳𝘦𝘢 𝘎𝘦𝘪𝘦𝘳 (𝘜𝘯𝘪𝘷𝘦𝘳𝘴𝘪𝘵ä𝘵 𝘛𝘳𝘪𝘦𝘳) 𝘶𝘯𝘥 𝘙𝘶𝘵𝘩 𝘔𝘢𝘺𝘦𝘳 (𝘓𝘦𝘪𝘣𝘯𝘪𝘻 𝘜𝘯𝘪𝘷𝘦𝘳𝘴𝘪𝘵ä𝘵 𝘏𝘢𝘯𝘯𝘰𝘷𝘦𝘳) 𝘵𝘦𝘪𝘭𝘵 𝘥𝘪𝘦 𝘓𝘢𝘯𝘥𝘦𝘴𝘳𝘦𝘬𝘵𝘰𝘳𝘦𝘯𝘬𝘰𝘯𝘧𝘦𝘳𝘦𝘯𝘻 𝘚𝘢𝘤𝘩𝘴𝘦𝘯 𝘮𝘪𝘵, 𝘥𝘢𝘴𝘴 𝘥𝘪𝘦 𝘴ä𝘤𝘩𝘴𝘪𝘴𝘤𝘩𝘦𝘯 𝘏𝘰𝘤𝘩𝘴𝘤𝘩𝘶𝘭𝘦𝘯 𝘢𝘬𝘵𝘶𝘦𝘭𝘭 𝘥𝘢𝘳𝘢𝘯 𝘧𝘦𝘴𝘵𝘩𝘢𝘭𝘵𝘦𝘯, 𝘥𝘢𝘴 𝘬𝘰𝘮𝘮𝘦𝘯𝘥𝘦 𝘚𝘰𝘮𝘮𝘦𝘳𝘴𝘦𝘮𝘦𝘴𝘵𝘦𝘳 𝘪𝘮 𝘐𝘯𝘵𝘦𝘳𝘦𝘴𝘴𝘦 𝘥𝘦𝘳 𝘚𝘵𝘶𝘥𝘪𝘦𝘳𝘦𝘯𝘥𝘦𝘯 𝘯𝘪𝘤𝘩𝘵 𝘻𝘶 𝘦𝘪𝘯𝘦𝘮 „𝘕𝘪𝘤𝘩𝘵-𝘚𝘦𝘮𝘦𝘴𝘵𝘦𝘳“ 𝘦𝘳𝘬𝘭ä𝘳𝘦𝘯 𝘻𝘶 𝘸𝘰𝘭𝘭𝘦𝘯.“ [3]

Das Sommersemesters 2020 soll also weiterhin als formell geltendes Semester durchgeführt werden. Der Beginn von Präsenzveranstaltungen wurde auf frühestens 04.05.2020 verschoben. Präsenzveranstaltungen die vorher hätten stattfinden sollen, werden nun in den digitalen Raum verlegt. [4]

Im Statement der LRK Sachsen heißt es dazu weiterhin:
„[…] 𝘥𝘪𝘦 𝘴ä𝘤𝘩𝘴𝘪𝘴𝘤𝘩𝘦𝘯 𝘏𝘰𝘤𝘩𝘴𝘤𝘩𝘶𝘭𝘦𝘯 𝘳𝘪𝘤𝘩𝘵𝘦𝘯 𝘢𝘭𝘭𝘦 𝘪𝘩𝘳𝘦 𝘒𝘳ä𝘧𝘵𝘦 𝘢𝘶𝘧 𝘥𝘪𝘦 𝘣𝘦𝘴𝘵𝘮ö𝘨𝘭𝘪𝘤𝘩𝘦 𝘚𝘪𝘤𝘩𝘦𝘳𝘴𝘵𝘦𝘭𝘭𝘶𝘯𝘨 𝘥𝘦𝘳 𝘓𝘦𝘩𝘳-𝘶𝘯𝘥 𝘗𝘳ü𝘧𝘶𝘯𝘨𝘴𝘢𝘯𝘨𝘦𝘣𝘰𝘵𝘦, 𝘥𝘢𝘮𝘪𝘵 𝘥𝘪𝘦 𝘚𝘵𝘶𝘥𝘪𝘦𝘳𝘦𝘯𝘥𝘦𝘯 𝘦𝘪𝘯 𝘦𝘳𝘧𝘰𝘭𝘨𝘳𝘦𝘪𝘤𝘩𝘦𝘴 𝘚𝘰𝘮𝘮𝘦𝘳𝘴𝘦𝘮𝘦𝘴𝘵𝘦𝘳 2020 𝘵𝘳𝘰𝘵𝘻 𝘉𝘦𝘦𝘪𝘯𝘵𝘳ä𝘤𝘩𝘵𝘪𝘨𝘶𝘯𝘨𝘦𝘯 𝘪𝘯 𝘷𝘦𝘳𝘢𝘯𝘵𝘸𝘰𝘳𝘵𝘣𝘢𝘳𝘦𝘳 𝘞𝘦𝘪𝘴𝘦 𝘥𝘶𝘳𝘤𝘩𝘧ü𝘩𝘳𝘦𝘯 𝘬ö𝘯𝘯𝘦𝘯.“ [3]

Was genau für Beeinträchtigungen „verantwortbar“ sind, wird jedoch nicht näher erläutert (weder für Studierende noch für Lehrende). Stattdessen wird darauf hingewiesen, dass man die Schaffung von Onlineangeboten engagiert verfolgen würde und dies auf Hochtouren liefe. Darüber hinaus würden Bemühungen angestellt, Praktika und Exkursionen unter anderen Bedingungen stattfinden zu lassen oder zu ersetzen.

Die LRK Sachsen äußert außerdem: „𝘋𝘪𝘦 𝘌𝘳𝘬𝘭ä𝘳𝘶𝘯𝘨 𝘥𝘦𝘴 𝘚𝘰𝘮𝘮𝘦𝘳𝘴𝘦𝘮𝘦𝘴𝘵𝘦𝘳𝘴 2020 𝘻𝘶 𝘦𝘪𝘯𝘦𝘮 „𝘕𝘪𝘤𝘩𝘵-𝘚𝘦𝘮𝘦𝘴𝘵𝘦𝘳“ 𝘩ä𝘵𝘵𝘦 𝘢𝘶𝘴 𝘚𝘪𝘤𝘩𝘵 𝘥𝘦𝘳 𝘓𝘢𝘯𝘥𝘦𝘴𝘳𝘦𝘬𝘵𝘰𝘳𝘦𝘯𝘬𝘰𝘯𝘧𝘦𝘳𝘦𝘯𝘻 𝘚𝘢𝘤𝘩𝘴𝘦𝘯 𝘸𝘦𝘪𝘵𝘳𝘦𝘪𝘤𝘩𝘦𝘯𝘥𝘦 –𝘨𝘨𝘧. 𝘻𝘶𝘮 𝘫𝘦𝘵𝘻𝘪𝘨𝘦𝘯 𝘡𝘦𝘪𝘵𝘱𝘶𝘯𝘬𝘵 𝘯𝘰𝘤𝘩 𝘯𝘪𝘤𝘩𝘵 𝘢𝘣𝘴𝘦𝘩𝘣𝘢𝘳𝘦 –𝘯𝘦𝘨𝘢𝘵𝘪𝘷𝘦 𝘍𝘰𝘭𝘨𝘦𝘯 𝘧ü𝘳 𝘥𝘪𝘦 𝘚𝘵𝘶𝘥𝘪𝘦𝘳𝘦𝘯𝘥𝘦𝘯.“ [3]

Eine nähere Erläuterung oder Einschätzung der möglichen negativen Folgen bei der Durchführung eines „Nicht – Semesters“ wird allerdings nicht gegeben. Auch inwiefern die Durchführung eines regulären Semesters dementgegen angemessen auf die aktuelle Situation vieler Studierenden und Lehrenden reagiert, bleibt offen.

Stattdessen wird damit geendet: „𝘥𝘢𝘴𝘴 𝘥𝘢𝘴 𝘚𝘰𝘮𝘮𝘦𝘳𝘴𝘦𝘮𝘦𝘴𝘵𝘦𝘳 2020 𝘧ü𝘳 𝘢𝘭𝘭𝘦 𝘏𝘰𝘤𝘩𝘴𝘤𝘩𝘶𝘭𝘦𝘯 𝘪𝘯 𝘋𝘦𝘶𝘵𝘴𝘤𝘩𝘭𝘢𝘯𝘥, 𝘰𝘥𝘦𝘳 𝘷𝘪𝘦𝘭𝘭𝘦𝘪𝘤𝘩𝘵 𝘴𝘰𝘨𝘢𝘳 𝘧ü𝘳 𝘢𝘭𝘭𝘦 𝘏𝘰𝘤𝘩𝘴𝘤𝘩𝘶𝘭𝘦𝘯 𝘸𝘦𝘭𝘵𝘸𝘦𝘪𝘵, 𝘦𝘪𝘯 𝘣𝘦𝘴𝘰𝘯𝘥𝘦𝘳𝘦𝘴 𝘴𝘦𝘪𝘯 𝘸𝘪𝘳𝘥.“ [3]

Ein „besonderes“ Semester also. Das reiht sich ein in die vielen Apelle an Kreativität, Phantasie und Engagement, die jetzt gefragt seien. So lautet der Titel eines Gastbeitrags des Präsidenten der FU Berlin (Prof. Günter M. Ziegler) im Tagesspiegel: „Auf ins Kreativsemester“. „Ein Sommersemester der Ideen und Innovationen“ solle das kommende Semester werden, die Universität selber würde zum Experimentierlabor und neue Impulse könnten gegeben werden. Er schreibt: „𝘋𝘪𝘦 𝘜𝘯𝘪𝘷𝘦𝘳𝘴𝘪𝘵ä𝘵 𝘴𝘵𝘦𝘭𝘭𝘵 𝘪𝘩𝘳𝘦 𝘛ä𝘵𝘪𝘨𝘬𝘦𝘪𝘵𝘦𝘯 𝘶𝘮, 𝘦𝘳𝘴𝘤𝘩𝘭𝘪𝘦ß𝘵 𝘯𝘦𝘶𝘦 𝘔ö𝘨𝘭𝘪𝘤𝘩𝘬𝘦𝘪𝘵𝘦𝘯 𝘶𝘯𝘥 𝘴𝘵𝘦𝘮𝘮𝘵 𝘦𝘪𝘯 𝘨𝘢𝘯𝘻 𝘢𝘶ß𝘦𝘳𝘨𝘦𝘸ö𝘩𝘯𝘭𝘪𝘤𝘩𝘦𝘴 𝘈𝘯𝘨𝘦𝘣𝘰𝘵.“ Es sollen verschiedene flexible Studien- und Studienabschlussmöglichkeiten geschaffen werden und dafür mit maximaler Kulanz innerhalb der bestehenden Regelungen und gesetzlichen Vorgaben gearbeitet werden. [5]

Wir sagen, dieses Vorgehen spottet den Situationen prekarisierter Studierender [6,7,8] und ohnehin schon überlasteter Lehrender [9,10,11]. Was Flexibilisierung, Kreativität und Phantasie unserer Gesellschaft in den letzten Jahren gebracht hat, haben wir z.B. infolge der Agenda 2010 ausreichend gesehen. Der Aufbau eines riesigen Niedriglohnsektors, in dem sich u.a. sehr viele Studierende befinden, sowie der stetige Abbau von Arbeits- und Sozialrechten uvm. haben seither stattgefunden [12,13].

In der aktuellen Lage brauchen wir keine wohlklingenden Worte und Beschönigungen, wir wollen:

  • Sicherheit und Regelungen, die vorallem diejenigen nicht benachteiligen, die sowieso schon Mehrfachbelastungen ausgesetzt sind (zusätzliche Jobs, Kinder, finanzielle Problemlagen und fehlende Rücklagen, …)
  • nicht abhängig sein von der Kulanz Einzelner und individuellen Entscheidungen, sondern brauchen klare Rechte und Regelungen, auf die wir uns beziehen und verlassen können
  • Entscheidungen, die auch außeruniversitäre Ebenen der Lebenssituation von Studierenden und Lehrenden miteinbeziehen und sie damit nicht gegen die Wand fahren lässt

Im aktuellen Vorgehen sehen wir die Gefahr, dass Studierende hinten runterfallen, denen es aus verschiedensten Gründen aktuell nicht möglich ist, dem normalen Studienbetrieb zu folgen, die aber gleichzeitig darauf angewiesen sind, in Regelstudienzeit und geregelten Verhältnissen ihr Studium zu absolvieren. Sie werden mit ihren Problemen zu großen Teilen auf sich alleine gestellt sein und müssen sich individuell um Lösungen bemühen. Abgesehen davon, befürchten wir eine massive Überbelastung der Lehrenden und u.a. eine damit einhergehende Abnahme der Qualität der Lehre. Auch wir wollen nicht, dass das Semester schlicht ausfällt und negative Konsequenzen folgen, wie dem Konzept so oft vorgeworfen wird. Wir wollen, dass Studierenden die Möglichkeit geboten wird, Module und Prüfungsleistungen ablegen zu können, nicht jedoch zu müssen, um dem formellen Anspruch eines regulären Semesters gerecht zu werden. Wir bleiben deshalb weiterhin dabei, dass die Forderungen zum „Nicht – Semester“ richtig und wichtig sind und fordern alle Lehrenden und Studierenden dazu auf, sich zum Thema zu informieren und darüber auszutauschen. Gemeinsam müssen wir uns für unsere Interessen stark machen!

𝗤𝘂𝗲𝗹𝗹𝗲𝗻:
[1] https://www.nichtsemester.de/cbxpetition/offener-brief/
[2] https://sstleipzig.wordpress.com/…/zur-forderung-des-nicht…/
[3] https://www.lrk-sachsen.de/…/2020_03_26-Pressemitteilung-Ni…
[4] https://www.uni-leipzig.de/…/bestmoegliche-sicherstellung-…/
[5] https://www.tagesspiegel.de/…/uni-mit-minimal…/25677680.html
[6]https://www.tagesspiegel.de/…/sozialerhebung-…/19984618.html
[7] https://www.studentenwerke.de/…/21-sozialerhebung-der-finan…
[8] ARD: „Die Illusion der Chancengleichheit“ https://www.youtube.com/watch?v=MyAZJ3gz90c
[9]https://www.verdi.de/…/bildung-wis…/1/4F_ux1X5iTeh-J-JqA2soX
[10] https://www.neues-deutschland.de/…/1131510.arbeiten-an-der-…
[11]https://www.deutschlandfunk.de/zukunftsvertrag-fuer-mehr-da…
[12]https://www.deutschlandfunk.de/agenda-2010-was-die-hartz-re…
[13] https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/299235/hartz-iv


𝘄𝗲𝗶𝘁𝗲𝗿𝗲 𝗤𝘂𝗲𝗹𝗹𝗲𝗻:
https://www.uni-leipzig.de/…/bestmoegliche-sicherstellung-…/
https://www.br.de/…/onlinevorlesungen-uni-nicht-semester-kr…
https://www.deutschlandfunk.de/coronavirus-und-hochschulen-…
https://www.tagesspiegel.de/…/folgen-der-coro…/25672436.html
https://www.freie-radios.net/98286
http://frististfrust.net/
https://www.change.org/p/hochschulrektorenkonferenz-kann-se…

Offener Brief an das „Bündnis Soforthilfe für Studierende“

Liebes Bündnis Soforthilfe für Studierende,


Wir, der Solidarische Studententreff Leipzig (SST), halten eure Forderungen nach finanzieller Unterstützung für richtig und wichtig. Vielen Studierenden entfällt durch die Corona-Krise ihre materielle Grundlage, wenn diese vor allem durch Neben- und Minijobs abgedeckt ist. Sie müssen jetzt in den meisten Fällen auf ihr Erspartes zurückgreifen, um die täglichen Kosten stemmen zu können. Wenn sie solche Ersparnisse denn überhaupt erstmal haben.

Dabei ist vor allem die Setzung einer konkreten Deadline, bis zu der die Finanzierung stehen soll, zu begrüßen. Denn in der aktuellen Lage können Entscheidungen nicht auf die lange Bank geschoben werden. Auch die geforderte Umwandlung in einen zinslosen Kredit für einen Zeitraum von zehn Jahren, falls keine Bedürftigkeit nach der Prüfung festgestellt wurde, können wir nachvollziehen.

Es stellen sich allerdings auch ein paar Fragen:

Wie soll die Bedürftigkeitsprüfung genau aussehen und soll das Geld, wenn es noch keine Einigung zu dieser gibt, trotzdem schon ausgezahlt werden?

Eine Orientierung der Bedürftigkeitsprüfung an BAföG-Richtlinien scheint vorerst sinnvoll. Dabei sollte diese allerdings im Allgemeinen hinterfragt werden. Oftmals bekommen Studierende wenig oder kein Bafög, obwohl ihre Eltern aus verschiedenen Gründen nicht in der Lage sind, sie finanziell zu unterstützen. Was passiert mit denen, die nicht als bedürftig gelten, allerdings auch nicht auf finanzielle Rücklagen zurückgreifen können oder durch den zurückzuzahlenden Kredit ungerechterweise zusätzlich belastet werden?

In eurem Abschnitt „Hintergrund“ stellt ihr außerdem die Situation der Studierenden deutlich dar. Wenn die Probleme bekannt sind: Hätten nicht die Hochschulgruppen, StuRas und AStAs im Vorhinein schon stärker für finanzielle Unterstützung der Studierenden kämpfen sollen, die ihr Studium nur mit Hilfe von (mehreren) Minijobs finanzieren können?

Auch problematisch finden wir, dass in keinem Satz die Politik für diese Situation klar verantwortlich gemacht wird, jedoch Hochschulgruppen der Parteien im Bündnis vertreten sind, die durch ihre Politik diese prekäre Situation erst herbeigeführt haben. Wer sich als Interessensvertretung der Studierendenschaft und Jugend versteht, darf Kritik an dieser Politik nicht zurückhalten! Die derzeitige Corona-Krise zeigt die Missstände, unter denen Studierende ihre Ausbildung absolvieren, nur klarer auf. Die Probleme hat es allerdings schon vorher gegeben. Dass es jetzt zu dieser finanziellen Notlage kommt, ist vollkommen logisch, wenn Studierende vorher schon jeden Cent dreimal umdrehen mussten. Als Studierendenschaft dürfen wir also nicht bei Feuerwehr – politischen Maßnahmen stehen bleiben und erst aktiv werden, wenn’s brennt. Wir müssen uns langfristig organisieren, für unsere Interessen und gegen bestehende Verhältnisse kämpfen!


Wir wollen über diese inhaltlichen Punkte mit euch und allen anderen Studierenden in Austausch treten. Nur gemeinsam können wir verhindern, dass die aktuelle Krise auf uns abgewälzt wird!


Solidarische Grüße,
SST Leipzig

Link zur Website des Bündnisses: https://studi-soforthilfe-corona.org/


* Die Rot-Grüne Regierung verabschiedete mit Zustimmung der CDU und FDP 2003 die sogenannte Agenda 2010, welche massive Einschnitte in das Arbeitsrecht und Sozialsystem war. Unter dem selben Kabinett wurde 1998 die Bologna-Reformen in Deutschland ausgeweitet und 2004/05 die Exzellenzinitiative auf den Weg gebracht.

Zur Forderung des „Nicht-Semesters“

Wie es aktuell in den deutschen Hochschulen aussieht, können wir uns nur schwer vorstellen. Leere Säle, Bibliotheken, Mensen, nichts geht mehr. Die zentralen Orte und Abläufe des universitären Alltags sind auf Eis gelegt. Die Belastung der Studierenden, Lehrenden und Forschenden damit jedoch nicht. Ganz im Gegenteil: Die Unsicherheiten in Zusammenhang mit der aktuellen Covid-19-Krise dauern an und wann ein normaler Studienbetrieb wieder aufgenommen werden kann, bleibt unklar. Vorallem erwerbstätige und ausländische Studierende, Personen mit Verpflichtungen gegenüber Kindern oder anderen Verwandten oder prekär und befristet Beschäftigte unserer Hochschulen sind hoher Belastung, möglichen Notsituationen und Nachteilen ausgesetzt. Wie soll man bspw. für die anstehenden Prüfungen lernen, noch 3 Hausarbeiten abliefern und gleichzeitig auf die Kinder aufpassen? Was passiert mit der Abschlussarbeit, wenn ich nicht im Institut arbeiten kann und meine Abgabefristen überziehe? Wie kann ich das kommende Semester finanzieren, wenn meine Arbeitsstelle grade zugemacht hat? Wird die Dauer meiner Projektfinanzierung verlängert, wenn ich unverschuldet an der Arbeit gehindert bin oder werde ich demnächst arbeitslos?

In einem offenen Brief fordern die Initiatoren, dass das Sommersemester ein „Nicht – Semester“ wird. Das bedeutet, dass die Lehre im kommenden Semester zwar soweit möglich stattfinden, das Semester aber nicht formal zählen soll. Dabei geht es vorallem darum, dass Studierende wegen nichterbrachten Studienleistungen keine Nachteile erfahren sollen. Wissensvermittlung und Verwaltung in den digitalen Raum zu verlagern, hat seine Grenzen. Zusätzlich stehen wir alle vor unterschiedlichsten Herausforderungne, die uns an der normalen Arbeit hindern. Daher appelliert der offene Brief an die verschiedensten Ebenen, die Studiengänge zu entlasten, um veränderte Lehrformate zu etablieren und im kommenden Semester Möglichkeiten zu bieten, Studienleistungen nach- und aufzuholen. Mehr als 1000 Mitarbeiter aus Forschung und Lehre unterzeichneten den offenen Brief bereits.

Als SST unterstützen wir die Forderungen, die aufgestellt werden! Viele der genannten Probleme spiegeln sich in unserem Alltag und der aktuellen Ausnahmesituation wieder. Grade jetzt muss es darum gehen, schnelle, unkomplizierte und langfristig tragbare Maßnahmen zu beschließen. Die Umsetzung eines „Nicht – Semesters“ sehen wir als Möglichkeit, den Druck zu verringern, der zur Zeit auf vielen Studierenden lastet und mit Blick auf die Zukunft verunsichert.

Wir kritisieren jedoch scharf, dass wir uns und Teile der Lehrenden sich überhaupt erst in so prekären Arbeits- und Lebenssituationen befinden und eine Krisensituation wie die jetzige so massive Auswirkungen auf unseren Alltag hat. Es kann nicht sein, dass wir wegen einigen Wochen oder Monaten Ausfall um den weiteren Werdegang unserer Ausbildungen und unsere finanziellen Grundlage bangen! Oder dass über 70% der Stellen im Mittelbau befristete und damit unsichere Stellen sind! Diese Probleme sind nur ein kleiner Ausschnitt und keine, die erst im Zuge der Covid-19-Pandemie aufgetreten sind, sondern seit langem schon existieren, angeprangert werden müssen und nur mit einem entschlossenen, gemeinsamen Kampf für die Verbesserung der allgemeinen Verhältnisse gelöst werden können.

#nichtsemester (hier der Link zum offenen Brief)

Studienfinanzierung – Jetzt erst recht!

Schon seit langem ist das Thema Studienfinanzierung zentral bei uns im SST. Erst vor kurzem diskutierten wir, wie ungerecht die Rückzahlung abläuft, in der Studenten mit finanziellem Puffer bevorzugt werden, auch wenn das BAföG doch eigentlich die Studenten ohne finanzielle Rücklagen unterstützen sollte (siehe dazu den Artikel „Rabatte für Besserverdienende“).

In Zeiten von Corona stehen Studenten nicht unbedingt im Fokus. „Die feiern frei“ denken sich bestimmt manche. Doch nicht alle von uns liegen momentan entspannt auf dem Sofa rum. Einige von uns, und das sind immerhin fast zwei Drittel der Studierenden, sind abhängig von Nebenjobs, um ihren Lebensunterhalt während des Studiums zu finanzieren.[1] Trotz Bedürftigkeit gibt es genug Gründe weshalb man kein BAföG bekommt: Sei es ein Zweitstudium, ein Wechsel des Studiums, persönliche Umstände oder fehlende Ressourcen, die dazu führen, dass man das Studium nicht ganz so schnell schafft, wie es das BAföG-Amt vorgibt. Und selbst wenn ein Anspruch auf BAföG besteht, reicht dieses oft nicht zum Leben.

Mit unseren 450 Euro Jobs sind wir natürlich die Ersten, die rausfliegen, wenn die Betriebe wegen Corona keine Arbeit für uns haben. Während über Rettungsschirme für die Wirtschaft schon lange geredet wird, kommen erst nach und nach Vorschläge für betroffene Arbeitnehmer. Minijobbern sind dabei jedoch scheinbar in den Hintergrund geraten. Die Corona Krise ist ein Extrembeispiel, doch kleinere Krisen können uns in unseren unsicheren Arbeitsverhältnissen ständig treffen. Gerade unter Studenten ist es verbreitet individuelle Lösungen zu suchen: Dann ernährt man sich ein paar Monate nur von Nudeln oder macht „besser“ bezahlte Nachtschichten, auch wenn am nächsten Tag früh Uni ist und zack, kommt man nicht mehr mit.

Wir sollen lernen und gut ausgebildet werden, um zukünftig unseren Teil zu dieser Gesellschaft beitragen zu können und unseren Lebensunterhalt eigenständig zu verdienen. Doch wenn uns existenzielle Sorgen plagen, wird das Lernen schwieriger. Wir müssen den Kopf frei haben und genug Zeit, um unsere Ausbildungen gut zu meistern. Dafür brauchen wir gesamtgesellschaftliche Lösungen und keine individuellen!


Deshalb fordern wir – jetzt erst recht:

  • Unkomplizierte Soforthilfe für alle Studenten in Notlage
    – jetzt und immer wenn nötig!
  • BAföG zugänglicher machen für alle Bedürftigen!
  • BAföG rückzahlungsfrei!


[1] studentenwerke.de/de/content/sozialerhebung-des-deutschen-studentenwerks