Kreativität auf Kosten der Studierenden

Ein kleiner Bericht aus dem studentischen Alltag …

Die derzeitige Corona-Pandemie stellt den universitären Betrieb vor massive Herausforderungen. Trotz Stimmen aus Wissenschaft und Lehre, die weitreichende Anpassungen fordern, welche der Situation Rechnung tragen sollen, wird am regulären Sommersemester 2020 festgehalten.. So richten die sächsischen Hochschulen nach eigenen Aussagen alle Kräfte darauf, das Lehr- und Prüfungsangebot sicherzustellen, damit die Studenten „trotz Beeinträchtigungen in verantwortbarer Weise“ das Sommersemester 2020 erfolgreich durchführen können. Nach der Landesrektorenkonferenz Sachsen wird „das Sommersemester 2020 für alle Hochschulen in Deutschland […] ein besonderes sein.“ und von seiten der Universitäten wird an Kreativität und Engagement appeliert. Offen bleibt, ob diese Apelle auch für den Abschluss des Wintersemester 19/20 gelten soll.

Als Student im geisteswissenschaftlichen Bereich gehört das Recherchieren von Literatur und das Verfassen von wissenschaftlichen Arbeiten zum täglich Brot meines Studiums. Durch die derzeitige Situation stellt dies allerdings als eine Herausforderung dar. Bibliotheken und Computerpools bleiben bis auf weiteres geschlossen. Der Zugang zu E-Artikeln etc. ist eingeschränkt und manche Universitäten (z.B. die Universität Halle/Saale) stellen keine Lizenzen für Office o.ä. zur Verfügung. Es werde fleißig daran gearbeitet den universitären Betrieb auf den digitalen Raum zu verlagern. Diese Umstrukturierung ist in meinen Modulen bereits größtenteils abgeschlossen.

Schon jetzt zeigt sich jedoch eine starke Überlastung des Uninetzwerks, da nun tausende Studenten und Angestellte der Universität, von zuhause auf das Netzwerk zugreifen. So brauchte es bspw. fünf Anläufe ein Hausarbeit einzureichen und wurde letztendlich nur durch die private Emailadresse möglich.

Derzeit steht bei mir noch das Verfassen einer Hausarbeit aus. Die sich derzeitig ständig verschärfende Lage wirft so viele Fragen auf, dass es ein leichtes war, eine geeignete Fragestellung für ein Hausarbeitsthema zu finden. Mit voller Motivation begann nun die Literaturrecherche, da man ja Antworten auf seine Fragen finden wollte. Recht zügig stieß ich auf brauchbare Artikel aus Fachjournals oder ganze Publikationen, die ein gutes Gerüst für meine Arbeit darstellen könnten. Darauf folgte die Große Enttäuschung … als erstes stellte sich die Suche nach den Artikeln über das Uninetzwerk als eine Katastrophe heraus. Die starke Überlastung des Uninetzes macht es nur teilweise möglich, überhaupt auf die Bibliotheksseite zuzugreifen. Das sowieso schon langsame Internet kam zum Erliegen. Dazu stellte sich heraus das die große Mehrzahl der benötigten Literatur online nicht zur Verfügung steht.
Was ist der richtige Umgang mit dieser Situation? Soll ich selbst Geld in die Hand nehmen, um mir Bücher und Zeitschriften zu besorgen? Wie soll ich das finanzieren wenn die Bücher z.T. 50 Euro kosten? Oder muss ich notgedrungen die aktuellen Forschungsstände ignorieren und mit dem arbeiten, was mir als Student kostenlos zur Verfügung steht? Würde ich so überhaupt der Wissenschaft gerecht werden, wenn ich ganz bewusst Forschungsstände ignoriere und mich auf überholte Forschungsstände beziehe?

Die richtigerweise getroffenen Maßnahmen zur Einschränkung des öffentlichen Lebens, um einer kompletten Überlastung des Gesundheitssystems entgegenzuwirken, stellen sich für mich gerade als eine Hürde dar, das Wintersemester zu Ende zu bringen. Die Perspektive für das kommende Sommersemester ist ähnlich gezeichnet. Für mich steht im Studium noch ein empirisches Forschungsmodul aus, in dem ich mit einer Statistiksoftware arbeiten muss. Hier ist regulär vorgesehen mit einem der Standardprogramme der empirischen Sozialforschung zu arbeiten. Da die Software recht teuer ist, steht sie den Studenten nur in einigen Computerpools zur Verfügung. Aus diesem Grund wurde kurzerhand entschieden, um das E-Learning zu ermöglichen, auf ein anderes Programm umzusteigen. D.h. für mich, dass mir Erfahrung im Umgang mit berufsspezifischer Software fehlen wird, die mich für mein späteres Berufsleben qualifiziert.

Mit Blick auf meine derzeitige Situation ergibt sich die Frage, was eigentlich mit einem Kreativsemester gemeint sein soll? Heißt es das ich mich als Student jetzt selbst in kreative Weise um Software und Bücher etc. kümmern muss, da sie für mich nicht zugänglich sind? Muss ich mir jetzt einen neunen Internetanbieter suchen, damit der Zugang in das Uninetz reibungsloser verläuft bzw. überhaupt erst möglich wird? Wer trägt die Kosten für das kreative Suchen nach Alternativen?
Auch ergibt stellt sich mir die Frage, wie das kommende Semester durch die digitale Umstellung überhaupt verlaufen soll? Wie sollen Studierende, die nicht über die nötigen Endgeräte verfügen, am E-Learning teilnehmen?

Die Forderung nach einem Kreativsemester nimmt einen zynischen Beigeschmack an und es wirkt, als würde damit versucht werden, die Unterfinanzierung der Universitäten und damit einhergende schlechte Ausstattung, nun auf den Schultern der Studierenden auszutragen.

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